"What
the fuck is wrong with you Corey?!“
Dem Großteil
der mit 3200 Besuchern ausverkauften Halle scheint die
Perfomance des Slipknot Frontmans durchaus zu gefallen, doch
nicht nur mir
spricht der Ami der mit diesem Schrei lautstark seinen Unmut
bekundet hat,
aus der Seele – ringsum entdecke ich ausdruckslose Gesichter,
die Blicke
ungläubig auf die Bühne gerichtet.
Sworn Enemy, Chimaira
& Fear Factory haben die New Yorker Roseland Ballroom
zu diesem Zeitpunkt bereits zum Beben gebracht – und sichtlich
ihre Spuren
an mir hinterlassen:
Neben einigen blauen
Flecken & einer aufgeplatzten Unterlippe zeugt das
aufgeschlagene Schienbein für die Intensität des Moshpits.
Generell scheinen
die Leute hier viel hungriger auf ihrer Bands zu sein, als
dies bei uns in Österreich der Fall ist:
Sprechchöre
vor dem Eingang der Halle, übermotivierte Fans die von
den
Securities rausgezerrt werden & der unpackbare Moshpit machen
deutlich wie
entfesselt die Leute hier an der Östküste an diesem
Abend sind.
Da einer Freundin
eben der Recorder konfisziert wurde, nachdem uns Securites
dabei erwischt haben als wir klären wollten ob die Fear
Factory Aufnahmen
etwas geworden sind, und ich keine Dollars mehr in der Tasche
habe um mir
ein kühles Helles zu gönnen, lehne ich recht demotiviert
an der Bar.
Ein ruhiges Gitarrentück,
wie ich anschließend erfahren sollte Circle vom im
Mai erscheinenden Subliminal Verses leitet den Slipknot Gig
ein, ist aber in
der Menge ziemlich untergegangen, durch den Wirbel der ausgebrochen
war
nachdem das Licht ausging.
Hat recht interessant
geklungen was da aus den Boxen dröhnte, umgehaun hat
es mich jedoch nicht – viel eher dann der Beginn des Barcode
Intros, wie ein
elektrischer Schlag hat es mich getroffen, als Slipknot erstmals
seit 4
Jahren wieder ein Konzert mit dem Intro der S/T eröffneten.
Ich eile vor in die
Menge, vorbei an einer überdimensionalen,
aufgeblasenerJägermeisterflasche und dränge mich in
Richtung Bühne vor.
Bei einer Gruppe aufgepumpter Hardcorler die sich gerade auf
einen
brachialen Pit vorbereiten bleib ich stehen, dreh mich um und
beseh mir die
herrlich Halle genauer:
Eine Vielzahl roter
Novogramme werden auf die Decke, die Logen & die
Tribüne, welche steil hinter dem mit einem Teppichboden
(!) belegten
Stehplatzbereich hinaufragt, projeziert. Sie huschen umher,
tauchen die
Halle in ein rötliches schimmerndes Licht und untermalen
so visuell optimal
das Barcode Intro.
Nach wenigen Minuten
ist auch schon Joey zu sehen & nimmt seinen Platz
hinter dem Drumkit ein. Auch die anderen lassen nicht lang auf
sich warten &
zu meiner Überraschung treiben sie die Spannung nicht wie
sonst immer auf
den Höhepunkt indem sie minutenlang zu den irren „the
world is just sick“
Samples posen.
Mit (sic) lassen
sie es gleichmal heftig loskrachen.
Ab dem Zeitpunkt
als Corey seine Stimmbänder einsetzt, ist all meine
Vorfreude an das Konzert verflogen, meine Befürchtung hat
sich bewahrheitet.
Erst möchte ich erwähnen, dass ich nach dem Hören
einiger neuer Slipknot
Songs die im weltweiten Netz die Runde machten meine Erwartungen
ziemlich
nach unten geschraubt wurden.
Doch was soll´s,
war mein Gedanke, solange sie die alten Klassiker wie
üblich zum Besten geben kann sich das Konzert nur ausgezahlt
haben.
Doch Corey hat selbst
diese alten Songs verschandelt, in dem auch in sie
sein furchtbare neuer Style zu Singen eingeflossen ist.
Unverständlich
außerdem warum er kaum den gewohnt hohen Einsatz gezeigt
hat,
wie angewurzelt ist er das gesamte Konzert an einer Position
gestanden, in
früheren Zeiten ist er wie ein Flummi herumgesprungen,
nun muss man sich
also über ein Heabangen wundern.
Die von der einen
auf die andere Sekunde erloschene Freude flammte jedoch
schon beim nächsten Song wieder auf: The Blister Exists.
Einige Percussion
Einlagen von Shawn & Chrishaben leiten den Song auf
beeindruckende Arte ein. In der Mitte des Songs sind die beiden
dann kurz
verschwunden um mit umgeschnallten Trommeln eine weitere Einlage
zu
inszenieren, erinnerte stark an Marschmusik, nicht übel
was die beiden den
gesamten Song im Zusammenspiel mit Joey fabrizierten.
Der Percussion-geschwängerte Song den ich an Slipknot immer
vermisst habe
konnte mich aber dennoch nicht überzeugen, woran das lag?
Abermals an Corey,
dessen unpassender Refrain den Song zerhauen hatte.
Wenn ich die neuen
Stücke wie The Blister Exists, Duality oder Three Nil,
als schlecht bezeichne, würde ich mich selbst belügen,
es ist aber einfach
so, dass sie schlicht und einfach typische Stone Sour Songs
sind, mit
stellenweise großartigen Melodien – aber das ist
einfach nicht die Band wie
ich sie kennen und lieben gelernt habe.
Ich musste mich fragen
ob den alle anderen nur noch zu Marionetten von Corey
verkommen waren. Sein Gesangsstil hat nicht mehr viel mit den
früheren Alben
gemein, passt auch kaum zur Musik. Wo sind die Emotionen geblieben,
das
klingt alles so halbherzig & kraftlos dahingeleiert, dass
es schmerzt.
Selbst als Sid Eyeless
einleitete, meinen Lieblingssong auf der S/T,
vermochte das nicht meine Stimmung aufzubessern, das Konzert
war gelaufen.
Slipknot schien mir nur noch eine schlechte Coverband ihrer
selbst zu sein.
Der Sound viel insgesamt zu wenig druckvoll aus, was mir aber
auch schon bei
den Vorbands unangenehm aufstieß war die Lautstärke,
welche den gesamten
Abend ruhigen Gewissens um einige Dezibel lauter hätte
sein können.
Allesamt zeigen sie
nicht den gewohnten Einsatz, Sid verzichtet auf seine
Stage Diving Aktionen, Chris & Shawn halten sich zurück
& selbst Mick
scheint die Nackenfäule bekommen zu haben.
Clown maletriert
sein Drumkit neuerdings unter anderem mit einer Art
gebogenes Brecheisen. Zwischenzeitlich betreibt er damit peinliches
Gepose
wie etwa Cowboy schießt Indianer im Publikum über
den Haufen, Chris machte
es ihm mit 2 Mikros im Desperados Style nach.
Die Zeiten der hydraulischen
Drumkits auf denen die beiden Percussionisten
eher lachhafte Zirkuseinlagen lieferten sind glücklicherweise
wieder vorbei,
ebenso wie Pyroshow Effekte - generell war Bühnenshow mäßig
ein sehr starker
Kontrast zur vergangenen Iowa Tour bemerkbar.
Abgesehen von einer
großen Slipknot Flagge hinter Joey´s Drumkit ist
die
Bühne nur mit ein paar dezenten Tribal S dekoriert.
Anschließend
spielen sie Three Nil, Duality, Disaster Piece, Purity, Pulse
of the Maggots (Die Studioversion hat sehr zusammengeschustert
geklungen,
live kommt er aber eine Spur rauer hinüber & hinterlässt
den besten Eindruck
der neuen Songs, auch wenn Corey´s Stimme ein weiteres
Mal versagt) Iowa –
die ersten 2 Strophen, Heretic Anthem, Spit it Out, Wait ´n´
Bleed, [515],
People = Shit, Surfacing
Iowa überrascht
mich positiv, sie verstehen die Spannung aufzubauen, anfangs
spielt Paul beispielsweise noch in entspannter Sitzposition
bei den hinteren
Boxen.
Dass die Band aber nicht so mutig ist und die ganzen 15 Minuten
des Songs
spielt, kann ich nicht nachvollziehen, anscheinend trauen sie
ihrem Publikum
soviel Geduld nicht zu. Als der Song langsam härter wird,
brechen sie abrupt
& Corey spricht: „If you´re 555 then I´m
(666) ... this song is called the
heretic anthem!“
Was für eine
selten beschissene Ansange & zu welch unpassendem Zeitpunkt,
den Übergang hätte man nicht schlechter wählen
können. Schade drum, hätte
Iowa gern zu Ende gehört, Heretic Anthem ist dann wie zu
erwarten eine
einzige Zumutung, Corey bringt es einfach nicht an diesem Abend.
Vor Spit it Out schwört
uns Corey ein weiteres Mal (wie in jeder Stadt in
der ich Slipknot gesehen habe) dass wir das sickeste Publikum
von ganz
Amerika wären.
Mitten im Song dann
der gewohnte Break & der Song wird erst nach der
altbekannten (die ihren Reiz längst wieder verloren hat)
„Jumpthefuckup“
Aktion fortgesetzt.
Wobei seine Aufforderung
sich niederzusetzen die schlechteste seit jeher
ist:
„This was part I, you know what part II is, don´t
even think about it, be a
part of the fucking legend, sit down...“ und das ganze
in so einem
zufriedenen Ami Proll Style, dass ich ihm am liebsten die Fresse
poliert
hätte. Wohin die Zeiten in denen er sich die Seele aus
dem Leib geschrien
hat um gehört zu werden?
Der letzte Song der
diesen schwachen Gig abschließen wird ist das „new
national fucking anthem... SURFACING!“. War dann wohl
die Krönung des Abends
als er bei dem versuchten Schrei kläglich versagt hat &
lässt die Frage
aufkommen ob Corey an jenem Abend gesundheitsbedingt die Songs
nicht so
hingebracht hat wie man es von ihm gewohnt ist.
So rasch wie sie gekommen waren, verlassen sie auch wieder die
Bühne & ich
drehe mich nach einer Gruppe Amis die neben mir vorbeimarschiert:
„If this
wasn´t THE shit, I don´t fucking know what it is
man!“
Ich schüttle
den Kopf, wische mir das Blut von dem traurigen Grinsen &
bereite mich auf einen Spaziergang durch die verregneten Gassen
New Yorks
bei Nacht vor, es geht auf in Richtung Hotel & somit einer
wohltemperierten
Flasche Whisky entgegen...