Die um 4 Uhr nachmittags
bereits beachtlich lange Menschenschlange spiegelt
sich im silbernen Glanz des vorbeifahrenden Mercedes wieder,
die japanischen
Geschäftsleute blicken neugierig aus den Fenstern, als
sich eine Gruppe
Maskierter löst und den Wagen mit Bier überschüttet.
Tosender Beifall
und Gegröle der Madenmeute – das Geheul eines ankommenden
Polizeiautos geht unter.
Mit Schlagstock bewaffnet,
steigt ein Polizist aus dem Wagen, einen Moment
lang betrachtet er die Menge, als sich sein Gesicht zu einem
Grinsen
verzieht und er den versammelten Fans das „Evilhorn“
entgegenstreckt.
Applaus, Fotos werden
geschossen – der Polizist wird zum Held.
Schauplatz dieser
skurrilen Szene ist die Londoner Astoria. Dort wo Slipknot
vor 5 Jahren ihren ersten London Gig absolviert haben, werden
sie nun das
erste Mal seit 2 Jahren wieder auf europäischen Boden rocken.
Das Konzert ist erst wenige Tage davor publik gemacht worden,
nichtsdestotrotz war es innerhalb kürzester Zeit ausverkauft,
schließlich
fasst diese Kulthalle nur knapp 1600 Leute.
Pünktlich um
19.00 öffnen die Securities die Pforten und machen sich
sobald
durch penibel genaue Leibeskontrollen unbeliebt, gar harmlose
Nietenbänder
werden den Besuchern abgeknöpft.
Ich mache mich auf
der Suche nach einer Bar wo ich dann auch eine kühle Dose
Carling um ´läppische´ 3,20 (Pfund!) erstehe
– steige die Stiegen hinab,
vorbei an den ebenfalls überteuerten Merchandise Ständen
und gelange in den
Stehbereich vor der Bühne.
Und bin völlig
überrascht wie klein dieser ist, mehr als knapp 1000 Leute
finden dort selbst zusammengedrängt garantiert keinen Platz.
Der Großteil der Besucher wird die Show von der großen
Tribüne aus
mitverfolgen.
Ich betrachte den Slipknot Banner im Hintergrund der Bühne
und mir kommt die
Gänsehaut, man fühlte sich hier wie mit der Zeitmaschine
zurückgereist, als
Slipknot damals solch kleine Clubs beehrten – ohne Zweifel
wird das hier und
heute ein sehr spezielles Ereignis.
Angesichts dessen
hol ich mir erst mal das nächste Bier, und als ich
zurückkomme betreten gerade My Ruin die Stage, dessen Frontfrau
eine
wirkliche beindruckende Show abzieht.
Ihre Mitstreiter stehen optisch im Schatten, auch wenn ihre
musikalische
Leistung sehr ordentlich ist – diese Band werde ich bei
Gelegenheit
jedenfalls antesten.
Was nun begonnen
hat, diese schier ewig dauernde Umbauphase, war die reinste
Folter.
Die Temperatur war so hoch, dass wir dicht beieinandergedrängt
um die Wette
schwitzen mussten.
Alte, klassische Metal Songs von Metallica, Pantera & Co.
dröhnen aus den
Boxen, und bald weicht der Enttäuschung Resignation als
nach über einer
Stunde Wartezeit immer noch ein Song dem nächsten folgte.
Rechts und links
der Bühne sind Screens angebracht, an denen die
Konzertbesucher via SMS chatten können, zu Beginn der Show
sollten diese
dann abgedreht werden.
Nun aber wird über Dinge wie die am selben Tag erschienene
neue Slipknot
Platte, oder den nächstem Sprechchor diskutiert.
Den Leuten die hier einen Pfund pro SMS opfern bin ich jedenfalls
dankbar,
da es die Wartezeit kurzweiliger macht.
Doch noch müssen
wir uns gedulden, bis dann endlich grelle Lichtblitze die
Halle durchzucken, und schließlich alle Lichter erlischen
– Stille – die
aber nur kurz währen sollte.
´Circle´
eine Ballade der neuen Scheibe wird bei maximaler Lautstärker
vom
Band abgespielt, ein Scheinwerfer bleibt nun starr auf den Slipknot
Banner
gerichtet.
Eine wahrlich eigenartige Stimmung kommt auf, die sich sonst
kaum zu Beginn
von Slipknot Konzerten verbreitet. Anders als die aggressiv
machenden
Barcode bzw. 515 Intros, entführte einem ´Circle´
förmlich in eine andere
Welt.
Dem Song folgt ein
minutenlanges Soundgewirr aus wildem Gescratche, bis es
schließlich Zeit für das Barcode Intro ist. Bierbecher
fliegen zuhauf auf
die Bühne & die Fans können es kaum noch erwarten
bis es losgeht.
Nun ist es soweit
– von links, rechts und hinten kommen dien neun auf die
Bühne und nehmen ihren angestammten Platz ein und dann
donnern sie auch
schon mit ´(sic)´ los.
Im Publikum geht es jetzt heftig her, all der aufgestaute Aggression
ob der
ewig langen Umbauphase wird nun ihr freier Lauf gelassen.
Ohne Umschweife geht
es dann sofort weiter zum nächsten Kracher: `The
Blister Exists´.
Joey, Chris und Shawn (der sich eine Krawatte umgebunden hat)
trommeln die
Halle förmlich in Grund und Boden.
´Eyeless´
war als nächstes dran, und die Textzeilen wurden lauthals
mitgebrüllt.
Bevor sie den Klassiker
in spe - ´Three Nil´ - zelebrieren, macht Corey
deutlich wie wichtig ihm dieser Tourbeginn in London ist und
welche
Bedeutung das Konzert hat.
Der Song wird dann beindruckend runtergeknüppelt, definitiv
mein
Lieblingssong der neuen Platte.
Nach diesem extrem
brachialen Einstieg spielen stimmen sie erst mal
´Duality´ an: „I push my fingers into my eyes,
to slowly stop the ache...“
und ich verschwinde aufs Klo um meinen ausgetrockneten Körper
Wasser zu
spenden.
Recht witzig war,
dass auf den beiden Toiletten jeweils zwei Schwarze
angestellt waren, dessen Job es war die Wasserleitung bei Bedarf
zu
betätigen und auf die Flüssigseife zu drücken.
Die guten Herren stellten einem außerdem so überflüssiges
wie: Deo, Parfum,
Nassrasierer, Lollipops (gegen Mundgeruch) gegen Entgeld zum
Gebrauch zur
Verfügung.
„All I´ve
got is insane” schreit sich Corey gegen Ende des Songs
die Seele
aus dem Leib als ich mich wieder ins Publikum vorkämpfe.
Einige Lobuhudelein
folgen und dann spielt Mick den ´Left Behind´ Riff.
Diesen Song haben Slipknot auf der Jägermeister Tour nicht
mehr gespielt,
leider sollte das die einzige Abweichung zur Setlist der Staaten
Tour
bleiben.
Kompromisslos geht
es dann mit ´Disaster Piece´ weiter, wie alle Songs
am
heutigen Abend wird auch er mächtig dargeboten.
Bei Purity scheint
dann die ganze Halle kurz vor dem Zusammenbruch zu
stehen, der Aufforderung zu Springen kommen alle nach, und die
Vibrationen
gleichen einem Erdbeben der höchsten Stufe.
Sirengeheul. „This
is the year where hope fails your...“ Das Sample zu
´Pulse of the Maggots´, der Kracher zu Ehren der
Maden, ertönt.
Jim und Mick beweisen welch außerordentlich gute Gitarristen
sie entgegen
der allgemeinen Meinung sind.
Der Song kommt gewaltig gut, Gänsehaut pur als Corey nach
dem Gitarrensolo
den „say it again, say it again“ Part schreit und
Chris zu seiner rechten,
Shawn zu seiner linken, beide kniend „WE WON`T DIE!“
in die Mikros brüllen.
Als ich die ersten
Geräusche von `Iowa´ vernehme, atme ich erleichtert
durch, für einige Minuten heißt es jetzt erst mal
neue Kräfte zu sammeln und
dieser leider stark verkürzten Version entspannt zu lauschen.
8, 7, 6-6-6-, 5,
4, 3, 2, 1 – der Countdown zum ´Heretic Anthem´
läuft
unweigerlich ab und der Pit explodiert ein weiteres Mal aufs
Heftigste.
Ohne Umschweife geht
es weiter, es ist Zeit für einen alten Klassiker: ´Spit
it out´.
Wie gewohnt wird die altbekannte Aufforderung sich niederzusetzen
um bei
Befehl aufzuspringen mit in den Song gepackt.
Vor ´Wait and
Bleed´ erzählt uns Corey noch mal wie gern er uns
hat um uns
dann zu bitten ihm beim nächsten Song mitsingen zu helfen.
Und es klang
überwältigend mehr als 1500 Stimmen die Zeilen „I´ve
felt he hate rise up in
me...“ lautstark singen zu hören.
Die Band verlässt
die Bühne, doch das Publikum weiß, dass sie zurückkommen
werden, schließlich stehen noch die zwei Überkracher
`People = Shit´ &
´Surfacing´ aus.
Die ersten Schreie
des [515] Intros lassen auch nicht lange auf sich warten,
Joey nimmt wieder seinen Platz hinter dem Drumkit ein und leitet
´People =
Shit` ein – dann sind die anderen auch schnell zurück
um den Song zum Besten
zu geben.
Shawn springt beim letzten Refrain in den Bühnen graben
& lässt die erste
Reihe den Refrain ins Mikro brüllen.
Mit meiner Kondition
komplett am Ende, nehm ich am Rande wahr, als Corey
meint es sei Zeit für den letzten Song, die neue Nationalhymne
für ihre Fans
– Surfacing.
Ähnlich einem
Gejagtem der um sein Leben sprintet, werden noch mal die
letzten Kräfte aktiviert und es kommt noch einmal Leben
ins Publikum. Den
Refrain zu schreien überlässt die Band fasst völlig
den Fans: „Fuck it all!
fuck this world! Fuck everything that you stand for! Don’t
belong! don’t
exist! Don’t give a shit! Don’t ever judge me! röhrt
es ein letztes Mal aus
Hunderten Kehlen bevor Slipknot sich ohne groß verabschieden
die Bühne
verlassen, und die Fans völlig erledigt nach Luft schnappen.
Es war zweifelos
eine imposante Vorstellung von Slipknot an jenem Abend, die
Astoria wurde zu Boden gerockt.
Mein einziger Kritikpunkt
ist, wie schon erwähnt, dass man bei dieser Band
generell immer die nächste Nummer vorhersagen kann –
das nimmt den Fans die
öfter ihre Shows besuchen etwas an Spannung.
Nach dem Konzert
hab ich Shawn darauf angesprochen & ich denke, dass ich
ihm
eine unbedachte Aussage entlockt habe.
Wir diskutierten
eben um Songs von der S/T und Iowa die sich noch nie live
performed haben, als er meinte, dass sie schon darüber
geredet haben am Ende
– ihrem letzten Konzert, alle ihre 3 Alben live zu performen,
mit jeweils
einer Stunde Verschnaufpause dazwischen.
Daraus kann man rausdeuten,
dass es bereits beschlossene Sache ist kein
weiteres Album auf ´Vol. 3: The Subliminal Verses´
folgen zu lassen. Mit der
Zahl 3, deren Bedeutung die Band in aktuellen Inteviews öfter
betont haben
ohne konkret zu werden, würde sich also der Kreis schließen.
Gut möglich
aber auch, dass ich das falsch reininterpretiert habe - die
Metalszene würde jedenfalls eine großartige, vielfach
unterschätzte Band
verlieren!