| slipknot.at | Interviews | EMP.de [Interview mit Paul Grey]
 
 


Düster-Sounds statt infernaler Krach: Altmeister Rick Rubin legt die Metal-Monster aus DeMoines an die Kette und bringt ihnen Harmonie, Gesang und Songwriting bei. Eine wundersame Wandlung. Es kam, wie es kommen musste: Auch Slipknot werden älter, reifer und anspruchsvoller, haben höhere Ziele und werden vor allem immer bessere Musiker. Das zeigte sich schon bei diversen Nebenprojekten (Stone Sour, Murderdolls, etc.), denen sie in den vergangenen 18 Monaten nachgingen, und die nur wenig mit dem brutalen Output des Kollektivs zu tun hatten. Eben, weil die Neun wirklich versuchten, etwas Anderes, Eigenständiges zu machen, und über ihren stilistischen Schatten zu springen. Aber jetzt, nachdem sie sich genügend ausgetobt und selbstverwirklicht haben, konzentrieren sie sich wieder auf das Wesentliche: das dritte Slipknot-Werk "Vol.3: (The subliminal verses)".

Und das ist eine faustdicke Überraschung. Eben, weil sie auch hier den Schwerpunkt auf Musikalität und Songs, statt brutalem Krach legen. Weil sie einen berühmten Produzenten hinzugezogen haben und sich bemühen, ein breiteres Publikum und größere Akzeptanz zu erreichen. Meint zumindest Bassist Paul Grey, der sich als eloquenter Gesprächspartner erweist. Paul, es kursieren Gerüchte, ihr hättet unüberwindbare Differenzen und würdet euch nach diesem Album trennen. Ist da was dran?

"Das ist Blödsinn! Menschen streiten sich, egal ob es sich um Familie oder Freunde handelt. Wir sind wie eine Familie, und wir streiten uns manchmal auch wie eine. Aber dann reißen wir uns wieder zusammen, und alles ist in Ordnung. Genau das ist der aktuelle Stand der Dinge. Dabei meint jeder gleich: 'Oh mein Gott, sie haben einen Streit, sie werden sich trennen.' Nein, das werden wir nicht. Ganz einfach, weil wir schon so verdammt lange zusammen sind. Ich bin zum Beispiel mit Joey befreundet, seit er in seiner ersten kleinen Band namens My Foetus war, und ich in einer Band namens Body Pit. Ich bin regelmäßig rüber zu seiner Highschool gefahren und habe ihn bei irgendwelchen Veranstaltungen beobachtet. Etwa bei Marschmusik-Bands und diesem Scheiß. Wir sind also wirklich schon lange Zeit befreundet. Und Shawn und ich haben immer im Keller meiner Mutter gejammt. Das war noch lange vor Slipknot. Ich kenne die Jungs seit Ewigkeiten. Es sind meine besten Freunde."

Trotzdem habt ihr eine Zeit lang kein Wort gewechselt?

"Ja, aber das liegt einfach daran, dass wir so lange unterwegs waren. Da machst du dich gegenseitig krank. Und mal ehrlich: Wenn wir ein bisschen Stunk untereinander haben - was soll's? Und vor allem: Wen geht das etwas an? Es sind persönliche Differenzen innerhalb der Band. Die tauchen nun mal auf, aber wir kriegen sie auch wieder in den Griff, und dann ist wieder alles in Ordnung. Trotzdem tauchen die Sachen in der Presse auf, wo sie richtig breitgetreten und endlos in die Länge gezogen werden. Dabei sind wir längst darüber hinweg. Wir sind schon beim nächsten Krach, und so etwas passiert eigentlich täglich. Es gibt ständig Streitereien, und wir gehen uns regelmäßig auf die Nerven. Aber das ist nichts Schlimmes. Wir sind trotzdem beste Freunde."

Und bei Slipknot ist kein Ende in Sicht?

"Nein, wir werden uns nicht auflösen. Niemals. Nimm nur das neue Album - das ist großartig. Hast du es schon gehört? Was meinst du?"

Es ist viel düsterer, als das letzte - aber längst nicht so heavy.

"Genau. Und das einfach, weil wir "Iowa" nicht noch einmal aufnehmen wollten. Das war so verdammt heavy und wütend, weil das genau das war, was wir damals gefühlt haben. Dieses Album hat einen anderen Vibe, aber es hat auch Songs, die viel heftiger sind, die du bloß noch nicht gehört hast. Du kennst ja nur sechs Stücke. Aber wenn du erst einmal das Ganze hörst, wirst du einen anderen Eindruck bekommen. Ganz einfach, weil es wie ein Trip ist, wie eine Welle. Es geht ständig auf und ab, und wenn du nur Bruchstücke davon erlebst, kannst du das gar nicht nachvollziehen. Es gibt definitiv Songs, die noch heftiger, aber auch welche, die melodischer sind."

Dann herrscht diesmal eine andere Art von Heavyness - eine bleierne, zermürbende, statt einer ultrabrutalen?

"Du musst nicht rumschreien, um richtig heavy zu sein. Das ist vollkommen unnötig. Und du musst auch keinen verfluchten Death Metal machen, um richtig fies zu klingen. Im Grunde brauchst du nur eine akustische Gitarre anzuschlagen und ein einziges Wort zu sagen - selbst das könnte schon verdammt heavy sein. Eben, weil sich Heavyness nicht pauschalisieren lässt. Es hängt alles davon ab, eine bestimmt emotionale Schwere zu erreichen. Und es gibt völlig unterschiedliche Arten von Heavyness. Dieses Album ist definitiv heavy, gleichzeitig aber auch sehr melodisch. An einigen Stellen ist es sogar regelrecht hübsch, während es andere Parts gibt, wo die Gitarren geschredded werden, bis der Arzt kommt. Und das ist für all die Leute, die immer noch glauben, wir könnten nicht spielen. Denn von denen gibt es ja nicht gerade wenige. Frag mich nicht, warum, aber aus irgendeinem Grund glauben sie das. Dabei spiele ich schon seit Ewigkeiten in Bands und beherrsche mein Instrument sehr wohl. Und das gilt für alle Bandmitglieder. Sobald diese Idioten das Album und einige der Gitarrenparts hören, kann ich dir garantieren, dass sie sagen werden: 'Oh, das sind doch gar nicht Slipknot. Die haben die Parts bestimmt von jemand anderem einspielen lassen.' Das sind die Leute, die sowieso alles in Frage stellen. Aber Mick und Jim sind richtige Gitarren-Freaks. Von daher zeigen wir auf diesem Album, wie gut wir als Musiker sind."

Und was ist mit der Erwartungshaltung der Fans: Könnte denen das nicht zu anspruchsvoll oder gar zu melodisch sein?

"Ich denke nicht. Und dieses Album ist ja auch nicht mellow. Es hat einen richtig fiesen, verrückten Unterton - einen ziemlich abartigen Vibe."

Und warum habt ihr einen Mainstream-Rock-Produzenten wie Rick Rubin verpflichtet? Passt der überhaupt zu Slipknot?

"Rick Rubin ist einfach wahnsinnig gut, wenn es um den Gesang geht. Und Corey singt auf diesem Album auch unglaublich gut. Und das ist eine völlig neue Seite, die du zuvor nur auf dem Stone Sour-Album nachvollziehen konntest. Da hat er zum ersten Mal richtig gesungen. Aber auf dieser Platte findest du die besten Melodien, die er je hervorgebracht hat. Gleichzeitig bringt er aber auch das heftigste Geschrei aller Zeiten. Und was Rick betrifft, so wollten wir einfach mal etwas anderes probieren. Nichts gegen Ross, den ich wirklich sehr liebe und der immer noch einer meiner besten Freunde ist, aber es war einfach Zeit für etwas Neues."

Habt ihr bei Rick zu Hause aufgenommen?

"Ja, in der Houdini-Villa."

In der es angeblich spukt?

"Sie ist schon ziemlich verrückt. Es gab Augenblicke, die schon sehr merkwürdig waren. Ich meine, das Haus ist riesig und von daher zieht es immer irgendwo. So kam es immer wieder vor, dass meine Zimmertür ganz weit offen stand und plötzlich mit voller Wucht zuschlug. Keine Ahnung, ob das nun am Wind lag, aber es ist öfters vorgekommen. Und es gibt da ein paar Ecken im Keller, in die ich mich niemals trauen würde. Chris und Sid haben in einigen der Schlafzimmer im Erdgeschoss übernachtet - in dem Trakt des Hauses, wo einige Räume gar kein Licht haben oder sogar zugenagelt sind. Und es gibt nichts auf dieser Welt, was mich in diese entlegenen Winkel bringen könnte. Trotzdem war es eine verdammt coole Zeit, eben weil wir als Band endlich wieder alle zusammen waren. Bei den Aufnahmen zu 'Iowa' hatten wir in unterschiedlichen Apartments gewohnt und uns kaum gesehen. Aber diesmal haben wir alle zusammen gewohnt und sind dadurch auch wieder zur Einheit geworden. Nach so einer langen Trennung war das einfach super-wichtig. Wir wollten wieder den Zustand erreichen, in dem wir uns befanden, bevor diese Band explodierte, bevor die Popularität und der ganze Hype einsetzten. Eben so, wie es war, als wir noch alle in Iowa wohnten und zum ersten Mal nach Kalifornien kamen, um ein Album zu machen. Eben dieselbe Aufregung und dieses Gefühl von: 'Ich kann gar nicht glauben, dass wir das überhaupt geschafft haben.' Es ist diese Mischung aus Unsicherheit, Selbstzweifeln und völliger Gleichgültigkeit. Wir waren einfach glücklich, dass wir wieder zusammen waren. Und damals haben wir in diesen miesen, kleinen Hotelzimmern gewohnt, wobei es schon mal vorkam, dass wir uns zu neunt ein Zimmer teilen mussten. Das haben wir jetzt wieder getan, und es war gar nicht so schlecht."

Wie steht es mit neuen Bühnenoutfits und Masken? Fallen die noch extremer aus, als beim letzten Mal?

"Einfach nur anders. Wir haben neue Masken und neue Outfits, also das ganze Programm. Aber im Grunde ist es nur eine neue Variante. Es ist immer noch Slipknot, und dann haben wir noch eine andere Sache, die auch sehr verrück ist und etliche Leute schockieren dürfte. Aber darüber darf ich noch nicht reden. Wenn du es siehst, wirst du etwas in der Art von 'Wow, ist das krank' sagen. Es sind ein paar ziemlich verrückte Fotos, die wir vor ein paar Wochen aufgenommen haben. Du musst sie einfach sehen."

Also ein weiteres, gefundenes Fressen für die Zensur, die scheinbar nur darauf wartet, bei euch zuschlagen zu dürfen?

"Das tut sie in der Tat. Sie wartet nur darauf, dass wir einen Fehler machen, und man uns deswegen in der Luft zerreißen kann. Das Problem ist nur, dass wir nicht so viele Fehler machen." (lacht)

Ihr geht in den nächsten Tagen auf Stadion-Tour mit Metallica. Bist du nervös?

"Nein, ich bin eigentlich nur stolz. Denn als ich damals gelernt habe, Gitarre zu spielen, waren Metallica, Megadeth und Slayer meine Lehrer. Ich habe niemals Unterricht genommen, sondern mir nur die Alben angehört und versucht, sie irgendwie nachzuspielen. Dadurch habe ich gelernt. Von daher ist es einfach toll, mit ihnen zu touren. Das ist, als ob ein Traum wahr würde. Und genauso habe ich mich damals gefühlt, als ich zum ersten Mal mit Slayer oder Anthrax unterwegs war. Jetzt kenne ich diese Typen persönlich - genau wie Testament und all die Bands, die ich als Teenager so geliebt habe und wegen denen ich in irgendwelchen fürchterlichen Thrash-Bands spielte. Aber Metallica sind wirklich Gott - für mich waren sie immer die größte Band auf Erden. Und jetzt gehen wir mit ihnen auf Tournee. Scheiße, ich kann es noch immer nicht glauben. Das ist fantastisch. Und mindestens so geil, wie mit Sabbath zu touren, was wir schon zwei Mal gemacht haben."

Du klingst wie ein Kind im Spielzeugparadies ...

"Das bin ich auch. Es ist das Größte, was ich je erlebt habe, und ich danke Gott jeden Tag aufs Neue, dass er mir diese Chance gegeben hat. Nimm es so: Ich bin jetzt zu Besuch in Deutschland, was ich mir ansonsten nie hätte leisten können. Schließlich habe ich früher auf dem Bau gearbeitet - und nachts in einer Bar. Eben als Barkeeper und Türsteher und manchmal auch als Roadie. Und dann bin ich plötzlich in einer erfolgreichen Band und werde auch noch dafür bezahlt, in andere Länder zu reisen. Ich treffe meine Idole, penne in teuren Hotels, und es gibt Tausende von Kids, die mich bewundern, was schon eine ziemlich verrückte Sache ist. Dafür werde ich auch noch bezahlt. Dabei würde ich selbst alles Geld, das ich habe, dafür geben."

 
 
| slipknot.at | Interviews | EMP.de [Interview mit Paul Grey]

© by www.slipknot.at